Ein Gott und die Welt Blog

Cat Content und die schizophrene deutsche Social Media-Landschaft

SAMSUNG CSC

Eigentlich wollte ich einen kleinen Rant schreiben. Warum?
(Fast) ganz Social Media Deutschland regt sich über Cat Content auf. Wenn immer ich mit Kollegen darüber spreche herrscht Einigkeit: Das geht überhaupt nicht – gute Social Media Manager machen so etwas nicht. Bei Barcamps wird sich in Sessions oft über die hirnlosesten Postings lustig gemacht und die meisten sind sich einig: Das hat nichts mit wertiger Kommunikation zu tun. Ein Blick auf die Facebook-Seiten führt dann zu dem Schluss, dass wir in einer schizophrenen Branche leben: Überall ist belangloser Content. Ich spare mir jetzt die Beispiele, mir geht es nicht darum Einzelne hier in den Fokus zu stellen. Wahrscheinlich wird man auch auf meinen Seiten etwas finden, über das man diskutieren kann. Fakt ist: Ich kann mir einen beliebigen renommierten Kollegen raussuchen, auf eine von ihm verwaltete Seite gehen und finde Catcontent. Mal mehr, mal weniger – oft aber meiner Ansicht nach viel zu viel. Und das sind alles Kollegen, die ganz klar gegen solchen Content sind.

Mittlerweile, nach einigen Tagen Schlaf über das Thema, bin ich über die Wutphase hinaus und frage mich vielmehr: Woran liegt das?

Die Definition

Fangen wir mal ganz vorne an: Was ist überhaupt Cat Content? In Wikipedia hat es der Begriff nicht geschafft, eine wissenschaftliche Definition lässt sich nicht so schnell finden und ist sicherlich auch den wenigsten bekannt. Ich denke, da beginnt auch schon eine Ursache: Jeder definiert Cat-Content anders. Ist die Frage eines Reiseunternehmens nach den schönsten Urlaubsziel Cat Content? Ist das Bild einer Katze, gepostet von einem Tierfutterhändler, Cat Content? Ist ein mit dem Logo eines Auto-Herstellers gebrandetes Foto einer Katze Cat-Content? Man kann darüber lange diskutieren. Gefühlt herrscht Konsens darüber, dass Content der nichts mit dem Unternehmen zu tun hat Cat-Content ist. Ich persönlich gehe in meiner Abgrenzung noch etwas weiter: Cat-Content, ist Content, der nichts mit dem Unternehmen zu tun hat und keinen Mehrwert bietet, sondern nur Spam generiert. Im Groben sind das also auch alle so gerne gestellten Fragen nach dem Wochenende, dem nächsten Urlaubsziel oder der Lieblingsfarbe der Nutzer – so lange sie nicht einen klar erkennbaren Mehrwert bieten. Kurz: Beiträge, die nur darauf aus sind viel Engagement zu kreieren.

Die falschen KPIs

Womit wir dem Kern näher kommen. Meiner Meinung nach liegt das Verwenden von solchen Inhalten oft in dem Festsetzen von falschen KPIs begründet. Likes, Kommentare und Shares sind nicht immer die richtigen KPIs. Wenn es so wäre, dann lasst uns alle unseren Job wegwerfen und automatisierte Bots die lustigsten Bilder aus dem Internet posten und Pinnwand-Gewinnspiele veranstalten. Dann gehen unsere KPIs durch die Decke. Wer Likes, Kommentare und Shares als (einzige) KPI verwendet, der glaube auch dass die Anzahl der Facebook-Fans der wichtigste KPI auf Facebook sind. Viel zu selten höre ich, dass Dinge wie qualitatives Feedback von Usern oder Wertigkeit der Kommentare in irgendwelchen Reportings auftreten.

Zugegeben macht uns auch Facebook das Leben mit dem Newsfeed-Algorithmus nicht gerade einfacher. Denn dieser belohnt viele Likes, viele Kommentare und viele Shares. Trotzdem: Wertiger Content setzt sich langfristig durch, auch auf Facebook.

Nutzer wollen unterhalten werden

KatzeWenn man in Einzelgesprächen über das Thema spricht fällt auch oft das Argument: “Aber es funktioniert doch! Außerdem wollen Leute auf Facebook unterhalten werden”. Um die Absurdität dieser Denke einmal zu verdeutlichen: Niemand würde auf die Idee kommen, die eigene Unternehmenswebseite mit Katzenfotos oder den lustigsten Bildchen aus dem Netz aufzuwerten, weil die Leute im Internet ja unterhalten werden wollen. Den Zugriffszahlen auf der Webseite würde das sicher gut tun. Trotzdem macht es (Gott sei dank) keiner.

Wenn Nutzer eurem Unternehmen folgen, dann tun sie das weil sie eure Produkte oder eure Marke interessant finden. Wenn das nicht so ist, dann habt ihr etwas falsch gemacht. Und wollen Nutzer lustige Bilder, gehen sie auf 9gag. Und ja natürlich liken sie sie trotzdem, wenn man sie postet. Dann wundert euch aber nicht, wenn Facebook euren echten Content mit schlechter Reichweite abstraft und ihn dann keiner mehr liked.

Kein Standing

Der nächste Grund tut etwas weh: Oftmals haben Social Media Manager meiner (zum Glück nicht persönlichen) Wahrnehmung nach kein gutes Standing im Unternehmen. Oft genug höre ich von Kollegen, dass Vorgesetzte das Zimmer betreten und tolle Ideen für Beiträge haben – beispielsweise ein lustiges Bild was sie gerade gefunden haben. Natürlich posten wir es dann. Und natürlich funktioniert es, wenn wir wieder die tollen Likes, Kommentare und Shares als KPI verwenden. Dort dann rauszukommen ist argumentativ sehr schwierig. Pandoras Cat-Content Büchse ist geöffnet. Und noch schlimmer: Das Standing als “Spaßfraktion des Unternehmens” hat man damit wieder zementiert.

Ein Aufruf

Ist also alles zu spät? Nein. Wir alle müssen mehr wertigen Content wagen. Ansonsten brauchen wir auch keine Berufszertifizierungen, keine Berufsverbände und keine Weiterbildungen. Viele von uns hätten sich ihr teures Studium oder ihre Ausbildung schenken können. Lustige Bilder posten kann jeder Realschüler direkt nach seinem Schulabschluss. Lasst uns als Social Media-Verantwortliche also Mehrwerte schaffen und wertige Kommunikation durchführen, die unsere Wichtigkeit für Unternehmen unterstreicht und uns zu einem unersätzlichen Teil des Kommunikationsmixes werden lässt. Ganz ohne Katzen.

Fotos: Hasan Anac / pixelio.de  | Martin Schemm  / pixelio.de

9 Responses to “Cat Content und die schizophrene deutsche Social Media-Landschaft”

  1. Enno Schummers

    Hi Paul,

    ich stimme dir absolut zu! Aber zwei Fragen bleiben für mich unbeantwortet: Was sind die KPIs, die der Social Media Verantwortliche ausweisen sollte? Und wieso sollte man nicht der Masse das geben, wonach sie verlangt?

    Beste Grüße,
    Enno

    Antworten
    • Sascha Pfeiffer

      Hey Enno,

      ich glaube die KPIs sind grundsätzlich nicht die falschen, denn es macht Sinn Likes, Shares und Kommentare auszuweisen. Der Haken liegt bei der Dateninterpretation und dem eigentlichen Markenverständnis.
      Damit kommen wir auch schon zum zweiten Punkt: “Warum sollten wir es nicht machen?”

      Man kann die Frage ja auch direkt in einen Onlineshop oder in ein Geschäft transportieren. Wieso sollte ich Spielzeug verkaufen, wenn ich ein Parfüm Geschäft bin oder Drogerieartikel in einer Buchhandlung? Natürlich habe ich ein schnelles Umsatzwachstum, weil ich mehr Produkte verkaufe, mittelfristig ist meine Markenführung aber in Gefahr. Es geht nicht darum, was kurzfristig funktioniert oder worauf der Kunde sofort anspringt, sondern eine langfristige Idee und ein Selbstverständnis von dem was man da macht.

      Gruß,
      Sascha

      Antworten
  2. Paul Baumann

    Hi Enno,

    danke für den Kommentar. Die KPI-Frage ist eine spannende, leicht angerissen habe ich es ja oben. Man kann qualitatives Feedback zählen, man kann Reichweite zählen (die ja um so mehr wert ist, wenn man wirklichen Inhalt postet), Conversions usw. Denke aber das ist wirklich auch sehr stark vom Unternehmen abhängig.

    Der zweite punkt: genau das sehe ich eben anders. Die Masse will das natürlich irgendwie im Netz, aber will sie es von seriösen Unternehmen? Sind wir Spaß Fabriken? Sollten wir nicht lieber versuchen, Nutzer für unsere Seiten zu begeistern, die das thema/Unternehmen toll finden und diese dann mit Inhalten zu binden? Wo ist die Differenzierung untereinander und zu den Spaßseiten, die es auf Facebook in rauhen Mengen gibt? Und vor allem, und sa wiederhole ich mich, wieso machen wir das gleiche dann nicht mit den Webseiten? Die Besucher würden auch steigen, trotzdem ein abwegiger Gedanke. Die Webseite repräsentiert das Unternehmen fällt dann als Argument. Und die Facebookseite nicht?

    Antworten
  3. Cordelia

    Ich finde ja, das Problem sind KPIs an sich. Vielleicht eine naive Ansicht, aber ich denke, wenn man nicht ständig krampfhaft versuchen würde, den Erfolg eines Social Media Managers an Zahlen festzumachen, würde eben auch nicht dieser Druck entstehen, Reichweite zu generieren, was mit Schwachsinnsgewinnspielen und Sinnlospostings leider immer einfacher ist.
    Kundenservice ist in seiner Qualität schwer messbar und für mich ist eine Facebook-Seite ein Teil des Kundenservice. Ein sympatisches Markenauftreten zu schaffen, lässt sich meiner Meinung nach nicht in diesen simplen Zahlen messen und ich finde, das ist eben auch einfach das Problem an der Onlinebranche – dass man so viel messen kann und daraus so viele Abhängigkeiten entstehen. Bei einer Anzeigenkampagne in Zeitschriften kann man ja auch nicht messen, wie viele Leute direkt nach Sehen dieser Anzeige in den Laden gegangen sind und das Produkt gekauft haben (oder doch? Dann wäre mir das neu :)). Die angeblich so direkte Sichtbarkeit von Erfolg und Effektivität im Onlinbereich ist für eine Markenbildung in meinen Augen häufig eher kontraproduktiv, weil so viel auf Stumpfheit “optimiert” wird (siehe SEO-Texte).

    Antworten
  4. Christoph Assmann

    Hallo Paul,
    doch genau dieses schwammige Verständnis von KPIs sorgt für die Spaß-Bilder. Qualitatives Feedback lässt sich nicht via Export auslesen. Daher wird mit den verfügbaren Zahlen gearbeitet, wo man schnell bei Reichweite, engagement etc. als KPI landet. Um diese zu verbessern helfen kurzfristig eben jene Katzenbilder. Daher fürchte ich, dass der Wandel im Verständnis der KPIs und damit auch der Wechsel zu hochwertigem Unternehmenscontent noch einige Zeit andauern wird.

    Antworten
  5. Enno Schummers

    Hi Sascha, hi Paul,

    ich denke Markenführung wird absolut überbewertet! Ich gehe sogar soweit, dass vielen Verbrauchern Marken und deren ständige Berieselung mit Werbung mehr und mehr egal ist. Hier müssen nicht Marken gegensteuern, sondern Menschen. Vertrauen baut man nicht zu Marken auf, sondern zu den Menschen oder Touchpoints, die ein Produkt repräsentieren. Und wenn diese Touchpoints mein Vertrauen haben, kaufe ich da Parfüm als auch Motoröl!

    Ich stimme dir Paul absolut zu: Spaßfabriken sind wir als Unternehmen (außer vll Medienunternehmen) sicher nicht. Es geht zentral darum Vertrauen aufzubauen. Über welchen Content das funktioniert, und ob vor diesem Hintergrund Cat-Content schädlich oder hilfreich ist, muss jeder Verantwortliche vor dem Hintergrund seiner persönlichen KPIs entscheiden. Cat Content kann helfen, muss es aber nicht. Wenn ich meinen Nutzern/Käufern nicht das biete, was diese langfristig (aber auch kurzfristig) wollen, kann ich am Markt nicht überleben.

    Beste Grüße,
    Enno

    Antworten
  6. ClaudiaBerlin

    Aha, so ist das also: zu Tode definiert…

    Für mich ist CatContent “was mit Katzen”. Kommt fast immer gut an, außer bei Hundefreunden. :-)

    Wenn Unternehmen das für sich nutzen wollten, sollten sie nachdenken, welchen Bezug sie zur Katze herstellen können – der BEZUG ist es, der passen sollte… und sei er auch ein bisschen verrückt und “über Eck”.

    Antworten
  7. MiMiga

    Bin zwar kein beruflicher Comunity Manager, und wenn dann nur für meine “1 woman, 3 1/2 cats project”, aber auch mir ist vor kurzem der Geduldsfaden gerissen…
    http://on.fb.me/1uamX4b – Kommentar vom 10. Juli auf meiner -spanischen- Facebook Seite:

    “Normalerweise bin ich relativ #Katze – und versuche evtl. Zwischenstösse zu vermeiden – aber irgendwas muss an dem alten Spruch dran sein dass “der Krug solange zum Brunnen geht, bis er zerbricht”.
    Und durch das ständige lesen (müssen) von Unsinn ist er heute in Scherben gegangen:

    Ich hab’ die Schnautze voll davon dass jeder, der nicht die geringste Idee von feliner Ethologie hat, über Katzen schreibt, sie mit Hunden vergleicht, falsche Mythen und Glauben (weiter)verbreitet und/oder Ratschläge gibt, die sogar schaden können…

    Wenn – vor allem in diesem Land (Spanien) – viel, aber richtig viel richtige und gut documentierte Information über diese (immer noch) – selbst bei den Menschen die mit ihnen zusammenleben – unbekannten, falsch verstandenen und falsch ausgelegten Wesen notwendig ist.

    Katzen und ihre Bedürfnisse zu verstehen ist grundlegend für ein Zusammenleben von Katze und Mensch ohne Konflikte.

    Mit mehr als 25 Jahren Katzenerfahrung, viel Theorie und mehr “praktische Lektionen”, documentiere ich mich noch immer für jedes Post in meinem Blog in mehreren zuverlässigen Quellen, und stelle Daten und Erfahrung gegenüber.

    Denn, ganz ehrlich, sowohl die Katzen, als quch ihre Menschen verdienen diesen Respekt.

    Kätzische Grüsse”

    Im übrigen teile ich voll eure Meinung, dass viele nur auf Sensationsmache und LOL Bilder setzen – und ich versuche eingenen #CatContent ins Web zu stellen. Das ist natürlich viel mehr Arbeit und wird -leider- nicht so belohnt wie ein copiertes Foto. Aber für mich geht es ums Prinzip, genau wie mit dem Einbinden von Katzen- und Umweltschutz in mein Projekt, – und um die Katzen

    So, hoffe ich hab’ mich mit meiner Post hier nicht in die Katzenminze gesetzt… wenn so, dann bitte einfach löschen.

    Schöne Grüsse, Uli.

    So, ich hoffe ich hab’ j

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS